Bildgewaltige Schlaftablette

Die Neuverfilmung des Klassikers "Mord im Orientexpress" überzeugt nicht ganz

von Sophie Mikhail

 

Ein Pfeifenreiniger, eine kaputte Uhr, ein Taschentuch mit Monogramm und ein halb verbrannter Zettel. Dies sind die Beweismittel, die unser Protagonist Hercule Poirot am Tatort findet, und anhand derer er den Fall zu lösen vermag. Doch zunächst zurück an den Anfang:

 

 

 

Wir finden uns in Jerusalem wieder, wo sich der in diesem Moment sehr extravagant präsentierende Poirot (Kenneth Branagh) die perfekten Frühstückseier bringen lässt. Das erste Paar war nicht zufrieden stellend, der kleine Junge muss losrennen, um ein neues Paar zu holen. Poirot scheint überzeugt, holt sein Maßband heraus und misst akribisch die Länge und den Radius des Eis. Nachdem der feine Herr mit seinem Frühstück fertig ist, geht es an die Aufklärung eines Raubes, bei dem ein Rabbi, ein Priester und ein Imam beteiligt sind – dieser Tatbestand erscheine wie aus einem Witz, so Poirot. An der Klagemauer also eine Deduktion mit Verfolgungsjagd, für den Detektiv eine ermüdend anstrengende Angelegenheit, die anschließend nach einem wohlverdienten Urlaub verlangt.

 

All dies geschieht erstmal recht beiläufig, ist man doch von Anfang an zu sehr von dem ungebürsteten Hamster auf seiner Oberlippe irritiert. Den gesamten Film über bleibt der Blick auf seinem Schnurrbart hängen, der einfach zu strubbelig und unecht aussieht und den Betrachter stört.

 

An Bord des Schiffes in Richtung Istanbul trifft Poirot auf Mary Debenham (Daisy Ridley) und Colonel Arbuthnot (Leslie Odom Jr.), der, anders als im Buch, kurzerhand zum Doktor graduiert wurde. Nach einem kurzen Geplänkel über Poirots Vornamen, der zu oft als der des griechischen Halbgottes missverstanden wird, treffen die Reisenden in Istanbul ein und wir befinden uns in einem Lokal, in dem der Detektiv über frisch gebackenes Brot philosophiert. Auftritt Monsieur Bouc (Tom Bateman), ein alter Freund des Poirot und gleichzeitig Direktor der Eisenbahngesellschaft des "Orient Expresses". Aus der Traum vom wohlverdienten Urlaub, denn just in dem Moment wird Hercule zu einem neuen Fall in Brod geordert, der ihn noch diese Nacht in den Express steigen lässt.

 

Im Speisewagen des Zuges trifft Hercule auf seine Mitreisenden: Hector MacQueen (Josh Gad), den Schaffner Pierre Michel (Marwan Kenzari), Mrs. Hubbard (Michelle Pfeiffer), Fürstin Dragomiroff (Judi Dench) samt Zofe, Graf und Gräfin Andrenyi (Lucy Boynton, Sergei Polunin), Cyrus Hardman (Willem Dafoe), Pilar Estravados (Penélope Cruz), Miss Debenham und Dr. Arbuthnot sowie Mr.Ratchett (Johnny Depp) und dessen Diener (Derek Jacobi).

 

Der Zug rollt ab und wir werden in eine verschneite Landschaft verschlagen, die schöner nicht sein könnte. Diese Idylle währt jedoch nicht lange, denn in der Nacht bleibt der Zug aufgrund von Schneewehen stecken, zudem herrscht Trubel auf Poirots Gang: Der Schlafwagenschaffner Pierre Michel wird von einem Rums in Ratchetts Abteil alarmiert, doch dieser antwortet schlicht mit "Ce n'est rien"- "Es ist nichts passiert." Doch Sekunden später sieht der Detektiv eine Frau mit rotem Kimono den Gang heruntereilen. Am nächsten Morgen wird kurzerhand Mr. Ratchett tot in seinem Abteil gefunden, Kameraeinstellung von oben auf die Szenerie herab.

 

Da sind wir nun: Ein Pfeifenreiniger, eine kaputte Uhr, ein Taschentuch mit Monogramm und ein verbrannter Zettel.

 

 

 

Bis hierhin deckt sich die Verfilmung sehr gut mit der Romanvorlage von Agatha Christie, welche 1934 erst unter dem Titel "Die Frau im Kimono", später "Der rote Kimono" und ab der ersten Verfilmung 1974 als "Mord im Orientexpress" erschien.

 

Die Ermittlung jedoch unterscheidet sich durch ihre Verworrenheit von der logisch geordneten Deduktion im Roman. Streckenweise ist der Film daher sehr ermüdend, wird nur von plötzlichen Action-Szenen aufgepeppt, die der Dramaturg wohl genau deshalb einbaute.

 

Das Ende bleibt das Gleiche: 13 Verdächtige, wer ist der Täter? Wer hatte ein Motiv?

 

Allons-y!

 

 

 

Ausgabe Juni 2017

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