A Moment of Science, Please

Ein Marsch für die Freiheit der Wissenschaft und gegen Unterdrückung, Fake News und alternative Fakten zog am Samstagvormittag zahlreiche Menschen auf Göttingens Straßen.

 

Die internationale Bewegung March for Science hatte das Ziel, am Earth Day, dem 22. April, mit Märschen in mehr als 600 Städten, ein Zeichen für die Freiheit von Wissenschaften und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt zu setzen. Ihren Ursprung hat die Aktion in den USA, wo Präsident Donald Trump mit seinen Aussagen zum Klimawandel und geplanten finanziellen Kürzungen für die Forschung die Wissenschaft offen angreift und in Misskredit bringt.

 

In Göttingen ließen sich, nach Angaben der Veranstalter, knapp 2500 Leute mobilisieren, die mit Rufen wie „Freie Meinung, freie Grenzen, freie Forschung, freie Menschen“ oder „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Fakten klaut“ durch die Innenstadt zogen. Viele von den Demonstranten sind selber Wissenschaftler oder Studierende. Alle sind sie überzeugt von der Wichtigkeit der unabhängigen Forschung. So auch Herbert Pfnür, Physiker an der Leibniz Universität Hannover. „Es gibt zur Zeit eine Bewegung, die die Freiheit und Geltung der Wissenschaft in Frage stellt“, begründete er seine Teilnahme an der Demonstration. „Wissenschaftliche Erkenntnisse dürfen nicht durch eigene Vorurteile ersetzt werden. Das ist eine schlimme Entwicklung.“

 

„Wer die wissenschaftliche Freiheit einschränken will, rüttelt an den Grundfesten der Demokratie“, gab Gabriele Heinen-Kljajić, niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur, zu bedenken. Der March for Science sei nicht nur eine Demonstration für die Wissenschaften, sondern für Menschenrechte im Allgemeinen. „Man sieht, dass gerade Göttingen in der Lage ist, ein starkes Zeichen für die Wichtigkeit der Wissenschaft zu setzen, die in Ungarn und auch in der Türkei gerade gefährdet ist“, sagte sie und deutete auf den bevölkerten Platz der Göttinger Sieben. „Deutschland ist davon zwar nicht bedroht, aber diese Angelegenheit geht uns alle an.“

 

Heinen-Kljajić war eine der fünf Redner*Innen, die sich bei der Kundgebung auf dem Zentralcampus im Anschluss an den Marsch an die Demonstranten wandten. Universitätspräsidentin Ulrike Beisiegel sprach sich auch für eine angemessene Weitergabe der wissenschaftlichen Erkenntnisse an die Bevölkerung aus: „Die Wissenschaft zielt auf die Mündigkeit der Gesellschaft ab.“ Daher solle die Transparenz der wissenschaftlichen Forschung gewährleistet werden. „Die Kommunikation der Wissenschaft muss in einer klaren und verständlichen Sprache stattfinden“, sagte die Biochemikerin. Nur so könnten alle Bürger am wissenschaftlichen Diskurs teilhaben.

 

Ein lebendiges Beispiel für die Aktualität der Bedrohung gab die Rednerin Pinar Senoguz. Die Kulturanthropologin war gezwungen, aus der Türkei zu fliehen und forscht nun mithilfe des Philipp-Schwartz-Stipendiums für gefährdete Wissenschaftler an der Georgia Augusta. Nachdem sie eine Online-Petition unterzeichnet hatte, mit der sich Wissenschaftler für Frieden in den kurdischen Gebieten einsetzten, bezichtigte sie das Erdogan-Regime für die Verbreitung terroristischer Propaganda.

 

Nach dem Beitrag des Pfarrers und Theologiedozenten Ludger Gaillard, markierte Göttinger Physikprofessor Arnulf Quadt den Abschluss der Veranstaltung und legte seinen Fokus auf die Bedeutung der wortwörtlich grenzenlosen Kommunikation in den Wissenschaften: „Forschung an solch grundlegenden Fragen der Natur ist eine Menschheitsfrage und nur durch internationalen Austausch möglich.“

 

Der March for Science in Göttingen und auf der ganzen Welt veranschaulichte eindrücklich, welche Relevanz der Schutz der freien Wissenschaften für eine gleichermaßen freie Gesellschaft hat. Zu hoffen bleibt, dass die unabhängige Forschung auch in Zeiten von alternativen Fakten weiterhin an der Wahrheit festhalten kann.

kf

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0

Ausgabe Juni 2017

hier zum download

 



weitere Göttinger Campusmedien

GÖHÖRT - Das Göttinger Campusradio
univision - Das Videomagazin der Göttinger Studis