Göttingen und der Weg zum Fairen Handel

Interview mit Joachim Berchtold über kommunale Entwicklungspolitik

von Luisa Rolfes

 

Joachim Berchtold hat Philosophie und VWL in Göttingen studiert, mit besonderem Interesse für Gerechtigkeitstheorien und Entwicklungsökonomie. Mittlerweile ist er Koordinator für kommunale Entwicklungspolitik. Welches seine Ziele sind und was seine Stelle mit Fairem Handel zu tun hat, erzählt er mir in einem Interview.

 

 

 

Seit jüngster Vergangenheit erleben wir eine Verschiebung in der Wahrnehmung und Durchführung von Entwicklungszusammenarbeit. Sprach man vor einigen Jahren noch selbstverständlich von Entwicklungshilfe, so entsteht heute ein zunehmendes Bewusstsein, dass eine faire Weltwirtschaft gemeinsam und auf Augenhöhe zu gestalten ist. „Das funktioniert nur schwer, wenn Gelder von Regierung zu Regierung, von einem riesigen Verwaltungsbereich in den nächsten geleitet werden. Und das nicht immer mit durchschaubaren Zielen und Verwendungen“ sagt Joachim Berchtold, Koordinator für kommunale Entwicklungspolitik in Göttingen. Entwicklungszusammenarbeit finde zunehmend im Kleineren, auf kommunaler und zivilgesellschaftlicher Ebene, statt.

 

In der Servicestelle Engagement Global sind vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanzierte Programme gebündelt, deren Ziel es ist, kommunales und bürgerschaftliches Engagement sowie entwicklungspolitische Bildungsarbeit zu fördern. Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst „weltwärts“ oder das Bildungsprogramm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ sind vermutlich vielen ein Begriff. Die „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ wohl weniger. Sie unterstützt kommunale Politik, Verwaltung und auch Zivilgesellschaft dabei, sich für globale Entwicklung zu engagieren. Vor diesem Hintergrund wurde Göttingen eine zweijährige Koordinationsstelle für kommunales entwicklungspolitisches Engagement bewilligt. Ich habe mit Joachim Berchtold gesprochen, der die Stelle seit April 2017 innehat.

 

 

 

Augusta: Im Rahmen deiner Stelle versuchst du, kommunales entwicklungspolitisches Engagement zu fördern. Wie kann man sich das vorstellen?

 

Berchtold: Zunächst dient meine Stelle – die von Stadt und Landkreis gemeinsam getragen wird – dazu, entwicklungspolitische Themen als Querschnittsthemen in den Verwaltungen zu setzen. Das heißt, Entwicklungspolitik soll in den Verwaltungsorganen, wo es möglich ist, eine Rolle spielen. In Göttingen haben wir zwei Projektschwerpunkte: zum einen geht es um Projektpartnerschaften mit zwei Städten in Guatemala und in Nicaragua, mit denen bereits seit längerem eine Partnerschaft besteht oder zumindest eine zivilgesellschaftliche Kooperation stattfindet. Nun versuchen wir, im Rahmen der bestehenden Partnerschaften konkrete Projekte der Entwicklungszusammenarbeit durchzuführen. Mit Nicaragua sind wir bereits in einem Projekt der Kommunalen Klimapartnerschaft, bei der es darum geht, Klimaschutz und Entwicklungszusammenarbeit miteinander zu verbinden. Der andere Projektschwerpunkt, in dem ich bisher hauptsächlich tätig war, ist der Faire Handel und die Faire Öffentliche Beschaffung.

 

Welchen Beitrag leistet Göttingen als Kommune zum Fairen Handel?

 

Fair gehandelte Produkte finden nach und nach Einzug in das kommunale Beschaffungswesen. Und das unterliegt strengen Regeln, wobei stets Preis und Qualität fast einzig ausschlaggebende Kriterien für die Verwendung von Steuergeldern waren. Mittlerweile ändern sich die Gesetzesrichtlinien und bei Produkten, die aus öffentlicher Hand beschafft werden, gilt heute auch als ein wichtiges Kriterium, wie sie hergestellt wurden. In den letzten Jahren wurden immer mehr Fair-Handels-Kriterien in diese Vergabeprozesse eingepflegt. Aber das ist noch nicht allgemein bekannt und steht im Widerspruch zum Dogma, das günstigste Angebot werten zu müssen. Es braucht also eine Veränderung von Denkstrukturen, die seit Ewigkeiten bestehen. Und da meist die einzelnen Abteilungen selbst entscheiden, was sie an Leistungen in Auftrag geben, ist viel Informationsarbeit nötig. Man muss persönlich zu den Leuten gehen, Bewusstsein schaffen und ihnen sagen, was es überhaupt gibt. Dass es nicht nur Kaffee und Bananen als fair gehandelte Produkte angeboten werden, sondern auch Naturstein, Textilien und andere Dinge, die in Kommunen massenweise gekauft werden. Zwar gibt es zum Beispiel noch nicht viel fair gehandelte Dienstkleidung, aber da ist ein Prozess im Gange, der immer mehr anstößt. Gerade öffentliche Stellen – deren Beschaffungsvolumen ca. 15 bis 20 % des BIP beträgt – haben eine Marktmacht. Wenn Kommunen andere Standards fordern, müssen Produzent*innen hinterherziehen und die Produktionsbedingungen in Ländern wie Kambodscha oder Bangladesch verbessern. Da gibt es auch in Göttingen auf jeden Fall noch vieles, was man ändern könnte.

 

 

 

Und was ist mit der Verantwortung der Einzelnen?

 

Mit Veranstaltungen, die zum Beispiel im Rahmen der Fairen Woche stattgefunden haben, appellieren wir an alle, die es sich leisten können – oder wollen – fair zu konsumieren. Wir können ein Bewusstsein schaffen, ein Bewusstsein auch dafür, worum es eigentlich geht. Fair gehandelte Produkte sollten nicht bloß eine individuelle Kaufalternative sein. Der Faire Handel hat sich schon immer als eine Bewegung zur Änderung von globalen Handelsstrukturen an sich gesehen.  Produkte müssten nicht zwingend wesentlich teurer sein, wenn man nicht den Konsument*innen die Kosten fairerer Produktionsbedingungen übertragen würde. Aktuell haben diese nämlich die Wahl zwischen teureren fair gehandelten Produkten und günstigeren Varianten – deren Kosten jedoch in unfairen Produktionsbedingungen zu spüren sind. Diejenigen, die Wirtschaftsregeln gestalten, sollten sich nicht auf den Mechanismus verlassen, dass Einzelne durch bewusste Konsumentscheidungen einen Beitrag zum fairen Handel leisten. Meiner Meinung nach muss politisch geregelt werden, wie die Kosten von Produktionsprozessen aufgeteilt werden – also nicht nur die Kosten des Produktes im Supermarkt, sondern auch die Kosten, die für Umwelt und Mensch entstehen. Im Rennen darum, wer seine Produkte günstiger anbieten kann, entsteht ein Lohndruck und in der Situation, in der sich die meisten Arbeitnehmenden in sogenannten Entwicklungsländern befinden, hat man keine Wahl und muss im Zweifel zu Hungerlöhnen arbeiten. Das nicht politisch berühren zu wollen, sondern als eine Frage allein individueller Verantwortung zu betrachten, finde ich falsch – auch wenn eine Umgestaltung nicht einfach ist. Und natürlich kann man als Einzelne*r auch Druck auf die Politik ausüben, zum Beispiel im Rahmen von Bürgerinitiativen und Kampagnen, von denen es gerade im Fair-Handels-Bereich schon zahlreiche gibt.

 

 

 

Siehst du Fairen Handel als die Zukunft an?

 

Ich denke, man sollte den Fairen Handel aus den genannten Gründen nicht als Allheilmittel betrachten und man sollte sich der Grenzen des eigenen Handelns in diesem System bewusst sein. Doch das sollte nicht zur Resignation führen. Argumente wie „Die Armen können sich das doch eh nicht leisten“ oder Berichte über dubiose Fair-Handels-Siegel werden dann gern als Rechtfertigung dafür genutzt, das Thema aufzugeben und es sich wieder einfach zu machen. Doch politisches Handeln und Handeln im Allgemeinen, sobald man darüber nachdenkt, ist nie einfach. Vor allem dann nicht, wenn man einen Gegenpol innerhalb der bestehenden Struktur und der ohnehin sehr konsumgeprägten Gesellschaft sucht. Aber selbst, wenn ich mir nicht grundlegende Veränderungen allein durch individuelle Kaufentscheidungen erhoffe, kann es wichtig sein für das eigene Bewusstsein, seine Überzeugungen zu leben – wo sich Handlungsmöglichkeiten in direkter Reichweite befinden, diese zu ergreifen – und sich als tätiger Mensch zu sehen und nicht bloß als Opfer der Umstände. Und, nicht zu vergessen: Beim Fairen Handel geht es nicht allein um Produkte. Es geht um eine kritische Betrachtung von Missständen in der Weltwirtschaft und darum, dagegen tätig zu werden. 

 

 

 

Weitere Informationen über Fairen Handel sowie Adressen für den fairen Einkauf in der Region findet ihr ab Februar 2018 auf www.fairtrade-regiongoettingen.de und auch schon jetzt auf der Webseite des EPIZ (Entwicklungspolitisches Informationszentrum Göttingen).

 

 

 

Ausgabe Juni 2017

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