Vielfalt statt „Silbersee“: Das Literarische Zentrum Göttingen

von Theresa Croll

 

Verborgen in einer kleinen Gasse zwischen Restaurants und Einrichtungsgeschäften liegt ein wahrer kultureller Schatz der Stadt. Das Literarische Zentrum bietet seit fast 18 Jahren Lesenden und Schreibenden die Möglichkeit, sich über Themen der Literatur, Politik oder Gesellschaft auszutauschen. Zudem organisiert es Veranstaltungen in Form von Lesungen, Interviews, Performances und vielem mehr. Mit Dr. Anja Johannsen, einer der beiden Leiterinnen, sprach ich über Programm, Auswahlprozess und Engagement.

 

 

 

Frau Dr. Johannsen, Sie sind seit 2010 Geschäftsführerin und Programmleiterin des Literarischen Zentrums in Göttingen. Was macht das Literarische Zentrum aus?

 

 

 

Unter den Literaturhäusern ist das Literarische Zentrum eines der wenigen, die ein ziemlich »junges« Publikum anziehen. Allgemein haben solcherlei Kulturinstitutionen ja gegen den Ruf zu kämpfen, ein eher älteres Publikum anzuziehen und zu bedienen – man spricht da vielleicht fieserweise oft vom »Silbersee«: Man sieht von der Bühne nur auf graumelierte Köpfe. Aber genau das ist hier bei uns eben oft ganz anders. Die Kolleg*innen aus den anderen Häusern beneiden uns oft um unser junges, studentisches Publikum. Das hat natürlich mit dem Kulturticket zu tun (damit kommt man an der Abendkasse immer kostenlos rein), aber durchaus auch mit unserem Programm. Die feministischen Rapperinnen ziehen eben nicht unbedingt die Herren 60+ an. Außerdem sind wir sicher ein vergleichsweise politisches Haus. Es gibt oft auch Veranstaltungen, bei denen es gar nicht zwingend um Bücher geht. Die letzte Frühjahrssaison hatten wir z.B. mit einer Podiumsdiskussion zu künstlerischen Strategien gegen Rechts eröffnet.

 

 

 

Das LZ veranstaltet regelmäßig vielfältige Lesungen und Events mit Autor*innen aus allen literarischen Bereichen. Wie verläuft der Auswahlprozess?

 

 

 

Bei den beiden Buchmessen im Jahr habe ich immer viele Termine mit Verlagsleuten. Von denen lasse ich mir im Herbst in Frankfurt erzählen, was im nächsten Frühjahr erscheint, und im Frühjahr in Leipzig, was im nächsten Herbst erscheinen wird. Auf der Grundlage dieser Infos stelle ich dann ein Programm zusammen. Ganz wichtig sind aber auch die Veranstaltungsreihen und andere Formate und Projekte, bei denen es nicht unbedingt darum geht, Neuerscheinungen zu präsentieren, sondern um bestimmte Themen, Debattenbeiträge usw. Das Spannendere an der Programmarbeit ist ja das Nachdenken darüber, welche interessanten Leute über welche interessanten Dinge miteinander ins Gespräch kommen könnten. Klar will das Publikum auch gern mal Simon Beckett erleben oder Robert Menasse aus seinem – mit dem Buchpreis gekrönten – Roman lesen hören. Aber die Literaturhäuser sind ja auch dazu da, das Publikum mit weniger bekannten Leuten bekannt zu machen, weil die eben Wichtiges zu sagen haben.

 

 

 

 

 

 

 

Sie sagen, dass gerade das „bunte“ Angebot der Veranstaltungen den Charakter des LZ ausmachen?

 

 

 

Die erwähnten Veranstaltungsreihen sind mir sehr wichtig, weil in solchen Reihen eben mehr konzeptionelle Arbeit steckt als in üblichen Einzelveranstaltungen. Buntes Angebot klingt vielleicht ein bisschen zu sehr nach bunt zusammengewürfelt, das würde dann auf die falsche Fährte führen. Das Haus bemüht sich, wie ja auch schon erwähnt, durchaus um ein eigenes Profil. Aber natürlich haben Sie recht: vielfältig soll es schon sein. 

 

 

 

 

 

Der Literaturherbst ist vielen Göttinger*innen ein Begriff. Welche Rolle spielt das LZ in der Planung und in der Durchführung des Events?

 

 

 

Bis vor ein paar Jahren waren der Literaturherbst und das Literarische Zentrum völlig voneinander unabhängige Unternehmungen, die auch, um ehrlich zu sein, nicht so super aufeinander zu sprechen waren. Das ist mittlerweile zum Glück komplett anders. Jetzt sind die beiden großen Literaturveranstalter der Stadt ziemlich zusammengewachsen. Wir machen bei uns im Haus einen Teil der Programmarbeit für den Herbst, meine Kollegin Gesa Husemann betreut dort viele Veranstaltungen und ich hänge da auch dauernd rum. Einige Veranstaltungen finden ja auch bei uns im Haus statt. Das ist also mittlerweile eine enge Zusammenarbeit, was für alle Beteiligten eine gute Sache ist.

 

 

 

 

 

Welche Möglichkeiten bestehen für Interessierte, insbesondere Studierende, Einblicke in den Literaturbetrieb zu gewinnen?

 

 

 

Wer sich allgemein für das Zentrum interessiert, kann natürlich Mitglied im Trägerverein werden. Aber viel spannender für Studierende – zumindest Studierende einer Philologie, die ein bisschen Zeit aufbringen können – ist die Möglichkeit, ein Volontariat bei uns zu machen. Jedes Jahr bieten wir vier von der Uni finanzierte studienbegleitende Volontariate im Bereich Literaturmanagement an. Das kann man auch alles auf der Website nachlesen oder uns natürlich auch immer ansprechen! Bei Veranstaltungen – oder anrufen oder mailen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zur Person:

 

Dr. Anja Johannsen studierte in Berlin, Irland und den USA Germanistik und Philosophie. Sie wurde 2007 mit einer Arbeit über W.G. Sebald, Anne Duden und Herta Müller promoviert und arbeitete bereits u.a. als Übersetzerin, Lektorin und Dozentin. Seit 2010 leitet sie das Literarische Zentrum Göttingen, seit 2013 gemeinsam mit Gesa Husemann.

 

 

 

 

 

Mehr Informationen:

 

Düstere Straße 20, 37073 Göttingen

 

www.literarisches-zentrum-goettingen.de

 

Facebook: Literarisches Zentrum Göttingen

Ausgabe Juni 2017

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